Der Krieg in Ex-Jugoslawien 1991-1995 in den Ö1-Journalen


von Eva Reder
Abstract
The aim of this paper is to examine the coverage of the Yugoslav Wars (1991-1995) in the holdings of the ‘Ö1 Journale’ by the Austrian Broadcasting Corporation (ORF), catalogued and digitised by the Österreichische Mediathek – and the specific audio-visual information conveyed by it. While printed press material is used vastly as a scientific source, this is not the case with audio-visual media. Due to radio’s ability to transfer sentiment and atmosphere, the thematic priority of the paper is on the situation of war refugees, as well as narratives of war crimes and ‘ethnic cleansing’, which soon turned out to be inherent to this war. Of special interest are direct quotes (‘O-Töne’) of high-rank politicians, military commanders, intellectuals, but also random civilians, who often stay anonymous but give deep insights into mind-sets and emotions, sharing their subjective opinions with radio listeners. The fact that both ‘the man on the street’ as well as persons representing political and military authorities are recorded, gives the broadcast a grass-root, democratising factor. This paper provides a survey over particularly crucial pieces of radio broadcast and intends to give the interested user an idea of the ORF news coverage on the Yugoslav wars in these particular years. Within the online-edition, this impression is underlined by providing direct access to the referring audio sources, which have been examined for this paper. This also illustrates the additional information conveyed by audio-sources, which makes them a valuable source for historical research. It is much to be hoped, that the ‘Journale’ broadcasts may serve as a very worthwhile addition to written sources and could be used by many scientific disciplines - e.g. historians, social scientists or media researchers - as a new source for further research.

1. Einleitung

Nach der Einnahme Vukovars durch die jugoslawische Volksarmee im November 1991 gab der serbische Reservist und Kleinunternehmer Dragan Vojcic in einem kleinen Dorf nahe der Stadt dem Journalisten Phillip Pekul ein Interview. Vojcic zieht jeden Tag in den Krieg, die Front ist nur wenige Kilometer weit entfernt, er beharrt auf einem guten Zusammenleben zwischen Serben und Kroaten, man habe immer friedlich zusammengelebt und er wolle dies auch weiter so halten. Verantwortlich für die Eskalation des Konflikts macht er den kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und dessen Partei HDZ. Auch die Rolle der Medien als Informationsquelle sieht Vojcic sehr kritisch: „Seit der Krieg begonnen hat, ich höre nix gern Radio, ist egal welche Station und lese auch nicht Zeitung“ und begründete dies so: “Wenn der Krieg beginnt, die erste was stirbt, ist das Wahrheit, alles andere ist Propaganda“ (Audioquelle 1, Mittagsjournal, JM-911120: 5. Beitrag). Vojcics Skepsis punkto der Glaubwürdigkeit der Medien war berechtigt. Gleichzeitig wird mit seiner Wortmeldung eines der Hauptmerkmale von Audioquellen sichtbar: Audioquellen imitieren, konstruieren Realitäten, was sie für den Benutzer zu einer verführerischen, aber auch nicht völlig problemlosen Informationsquelle macht, die es genau wie andere Quellen, kritisch zu prüfen gilt.

Immer wieder wurde die Rolle von Medien im Krieg in Ex-Jugoslawien betont, vor allem die des Fernsehens als Mittel der Propaganda durch die jeweiligen politischen Machthaber. Darüber hinaus wurden auch wiederholt und intensiv Printmedien als wissenschaftliche Quelle herangezogen, um den Diskurs über den Krieg in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens zu beleuchten. Die Berichterstattung des Radios über diesen grausamen bewaffneten Konflikt wurde dabei weitgehend ausgespart. Hörfunk ist bis dato, im Unterschied etwa zu Printmedien, eine von der Wissenschaft kaum genutzte Mediengattung. Dies hat mehrere Ursachen: einerseits liegt die mangelnde Verwendung von Audioquellen an deren sehr eingeschränkter Zugänglichkeit und mangelnder technischen Aufbereitung, um die Sendungen abhörbar zu machen. Die Digitalisierung und archivarische Aufbereitung von Audioquellen ist mühsam und teuer, dazu kommt die begrenzte Überlebensdauer der Tonträger. Zudem ist Audiomaterial komplizierter  in der Handhabung als schriftliche Quellen: ihre Beschaffenheit erlaubt es dem Benutzer nicht, sie zu überfliegen, man muss sie wiederholt anhören, vorspielen, zurückspielen, gegebenenfalls transkribieren, um an die gewünschte Information zu gelangen.

Audioquellen vermitteln jedoch über die faktische Inhaltsebene hinaus Sinneseindrücke, Emotionen und Stimmungen, was ihren Inhalten unter Umständen eine plastische, ja literarische Qualität verleihen kann. Kaum ein anderes journalistisches Format ist in der Lage, Stimmungsbilder so extensiv zu beschreiben, wie es sonst nur literarische Formen erlauben (in einer Tageszeitung würde dies wohl aufgrund von Platzmangel nur bedingt möglich sein). Die Vorzüge des Formats liegen genau in der kompromisslosen Subjektivität der zu Wort Kommenden. Gerade hier, beim Jugoslawienkonflikt, - einem Thema bei dem es einer zeitgemäßen Geschichtswissenschaft doch stark um die Erlebnisse der Menschen, ihren Alltag in Krieg und Frieden und ihre Emotionen gehen muss, erschließt sich der eigentliche Quellenwert von Tonaufnahmen dieser Art.

Ziel des folgenden Beitrages ist es daher, dies deutlich zu machen: Die Journalbeiträge, die den Jugoslawienkrieg behandeln, werden hier beschrieben, mit dem Schwergewicht auf Inhalten, die eben nur hier, in den Journalen, zu finden sind. Dadurch soll zukünftigen Benutzern, die Audioquellen zu diesem Thema verwenden möchten, eine Einführung und Hilfestellung gegeben werden. So kann der Benutzer einfacher eine Vorauswahl bei der Suche nach thematisch geeigneten Datensätzen treffen. Die große Menge an Datensätzen zu diesem Thema erschwert es, einen Überblick über Themenfelder und Schwerpunkte der ORF-Berichterstattung zu bekommen, auch insofern, da das Durchklicken und Anhören der Beiträge auf der von der Österreichischen Mediathek zur Verfügung gestellten Homepage zeitintensiv ist. Bei den Beiträgen wird ein besonderes Augenmerk auf Interviews und Originaltöne (O-Töne) von beteiligten Personen gelegt. Die O-Töne sind das Kapital dieser Radiosendungen, welche Quelle und Medium zugleich sind. Sie sind das Herzstück und Spezifikum dieser Quellengattung und eröffnen dem Hörer eine plastische, emotionale, wenn auch flüchtige Welt des Krieges.

Zeitlich fokussiert sich diese Arbeit bis auf wenige Ausnahmen auf die Jahre 1991-1995. In diesen Zeitraum fallen der sogenannte 10-Tagekrieg in Slowenien (Juni/Juli 1991), der Kroatienkrieg (1991-1995) sowie der Krieg in Bosnien (1992-1995), wobei sich die Berichterstattung auf die beiden letzteren militärischen Konflikte konzentrierte. Besonderes Augenmerk wird hier einerseits auf die etwa einstündigen Mittagsjournale gelegt, die das Herzstück der Katalogisierungsarbeit beim FWF-Projekt „Journale -The Radio News of ORF 1990-1999“ bilden. Das Mittagsjournal stellt die wichtigste Sendung im Tagesablauf des Radiosenders Ö1 dar und verfügt auch über die höchste Hörerfrequenz. In den Jahren 1991-1995 wird in der Sendung meist mit einem,  je nach Kriegsverlauf und Nachrichtenlage auch mit mehreren Beiträgen über den Bürgerkrieg am Balkan berichtet. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Journal-Panorama-Sendungen, die sich im Rahmen des Abendjournals in ungefähr halbstündigen Beiträgen inhaltlich vertiefend einem speziellen Thema widmen und sich in jenen Jahren auch häufig auf Thematiken zum Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien konzentrierten. Dabei handelt es sich meist um Reportagen von Kampfschauplätzen oder aus Frontstädten, oder Interviews mit am Kriegsgeschehen beteiligten Personen. Aus Zeitgründen werden der Krieg im Kosovo 1999 sowie auch die späteren Nachkriegsjahre in diesem Aufsatz nicht behandelt. Durch die große Anzahl der Meldungen zu der Jugoslawienproblematik ist auch eine quantitative Analyse, also etwa statistische Angaben über Themenschwerpunkte, in der Bearbeitungszeit nicht zu bewerkstelligen: ungleich zu schriftlichen Quellen sind Audioquellen nicht zum Querlesen geeignet.

Das Jahr 1991 weist bei weitem die meiste Beiträge zu diesem Themenkomplex auf. Die große Anzahl an Beiträgen, verglichen mit den anderen Kriegsjahren, hängt vermutlich sowohl mit dem Beginn der Kampfhandlungen in Slowenien und Kroatien zusammen, als auch mit der Tatsache, dass der Krieg zu diesem Zeitpunkt noch „neu“ war und medial großes Aufsehen erregte, während in den nachfolgenden Jahren, aller Brutalität zum Trotz, eine gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten sein muss, was den Nachrichtenwert betraf.

Die Redakteure, die über die Kriegshandlungen berichteten: Veronika Seyr, die meist über Serbien berichtete, Karl Jirkovsky, Fritz Orter, Fritz Pesata sowie auch Hans-Christian Unger. Korrespondent aus Belgrad war Zoran Opra.

2. Inhaltliche Schwerpunkte


Nach einem historischen Abriss über den Kriegsverlauf werden die Themenbereiche der Berichterstattung vorgestellt. Aufgrund der Kompetenz von Audioquellen, emotionale Inhalte und Stimmungen zu transportieren, sollen in diesem Beitrag besonders die Beiträge mit O-Tönen behandelt werden, welche die Thematiken der „ethnischen Säuberungen“, des Kriegsalltages sowie die Situation der Flüchtlinge im Kriegsgebiet, aber auch in Österreich behandeln.

Die Meldungen der Journale spiegeln sehr anschaulich den Beginn und Verlauf des Krieges wider: so wurde neben den Kämpfen in Bosnien und Kroatien detailliert über den Ausbruch des Krieges in Slowenien im Juni 1991 und seine Auswirkungen auf das slowenisch-österreichische Grenzgebiet berichtet. In Bezug auf den Kroatienkrieg wurde besonders über die Belagerung Vukovars sowie über die Kampfhandlungen in der Krajina berichtet, weniger über die kroatische Hauptstadt Zagreb, die nicht belagert wurde und im Vergleich zur Krajina kaum Kriegsschäden davontrug. Ein Schwerpunkt der Kriegsberichterstattung des Bosnienkrieges war die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, Sarajewo, die vom April 1992 bis November 1995 von der bosnisch-serbischen Armee belagert wurde. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass das multi-ethnische Sarajewo für die Toleranz des alten Jugoslawiens stand, was es zu einem besonderen Ziel der Aggressoren machte, aber auch, dass es durch sein tragisches Schicksal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Journalisten fand. Doch nicht nur Kriegsverbrechen und der Kriegsverlauf an sich waren immer wieder Thema der ORF-Berichterstattung, auch das Schicksal der Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten sowie der Alltag an der Front wurde Gegenstand zahlreicher Reportagen. Die Thematik der Kriegsverbrechen wird von anonymen Personen, meist Flüchtlingen oder der Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet sowie lokalen politischen Entscheidungsträgern angesprochen - in häufigen Fällen in einer weitaus vielsagenderen, konkreteren und unverblümteren Weise, die dem Hörer weitaus mehr Vorstellung über das Geschehen gibt, als die offizielle Kriegspropaganda. Diese Audioquellen zeigen, dass nicht nur „große Männer“ wie Militärs und Politiker Geschichte machen, sondern auch anonyme Passanten, Flüchtlinge und Zivilisten: in kaum einem anderen journalistischen Format kommen vermutlich so viele Unbekannte zu Wort. Nicht ihr Status zählt, sondern was und wie sie es sagen, was dem Medium einen nahezu demokratischen Charakter verleiht und dazu einlädt, Geschichte „von unten“ zu schreiben.

Hier werden eingehend Stimmungen, Geisteshaltungen und Einstellung medial eingefangen: sei es von hohen Militärs, einfachen Soldaten, Politikern, Oppositionellen, Schriftstellern, Geistlichen und Zivilpersonen, die aus allen gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichen politischen Lagern stammten. In den Journal-Sendungen tauchen  Originalaufnahmen von Literaten wie Milo Dor (Audioquelle 2, Mittagsjournal, JM-950805: Beitrag 6), Politiker wie Franjo Tudjman (Audioquelle 3, Mittagsjournal, JM-901105: Beitrag 6) , Slobodan Milosevic (Audioquelle 4, Mittagsjournal, JM-921218: Beitrag 3 sowie Audioquelle 5, Mittagsjournal, JM-921219: Beitrag 6), Alija Izetbegovic (Audioquelle 6 Mittagsjournal , JM-930617: Beitrag 8 sowie Audioquelle 7, Mittagsjournal, JM-920228: Beitrag 12),  Vuk Draskovic (Audioquelle 8, Mittagsjournal, JM-960712: Beitrag 15), Slavko Goldstein (Audioquelle 9, Mittagsjournal, JM-900113: Beitrag 7), Haris Silajdzic (Audioquelle 10, Mittagsjournal, JM-910909: Beitrag 5), Zvonimir Separovic (Audioquelle 11, Mittagsjournal, JM-911002: Beitrag 10) oder religiöser Vertreter wie Tomo Knezevic (Audioquelle 12, Mittagsjournal, JM-931023: Beitrag 8), dem Caritas-Direktor in Sarajewo.

Auch Interviews später gesuchter, angeklagter und verurteilter Kriegsverbrecher sind zu finden. Beispielsweise Interviews mit Vojislav Seselj, dem Führer der Serbischen Radikalen Partei, Milan Martic, oder mit Zeljko Raznatovic, besser bekannt als „Arkan“, Anführer der paramilitärischen Kampfeinheit Srpska dobrovoljacka garda (dt. Serbische Freiwilligengarde), die man „Arkans Tiger“ nannte. Arkan, ursprünglich Zuckerbäcker und Belgrader Unterweltgröße, Führer  der Partei der serbischen Einheit, forderte im Wahlkampf in Serbien ein Jahr später die Ansiedlung von Serben im Kosovo und eine Vertreibung der Ungarn aus der Vojvodina sowie der Albaner aus dem Kosovo (Audioquelle 13: Mittagsjournal, JM-931207: Beitrag 9)