Im Wandel der Zeit

Aufbau und Veränderungen der Ö1-Journale von den 60er bis 80er Jahren

von Anton Hubauer

1. Die Form der Ö1-Journalsendungen

Neben der wichtigsten Journalsendung des Tages, dem Ö1-Mittagsjournal, gab und gibt es seit 1967 bzw. 1968 noch eine Reihe weiterer über den Tag verteilte Journale: Das Ö1-Morgenjournal, das Ö1-Abendjournal und ab 1977 das Ö1-Nachtjournal, dieses besteht aber nur in der Kurzfassung von bereits zuvor gesendeten Journalbeiträgen oder Interviewausschnitten. Die Österreichische Phonothek, als Vorgängerinstitut der Österrreichischen Mediathek, stellte deswegen auch die Aufzeichnung der Ö1-Nachtjournale ab dem Jahr 1978 wieder ein, eben weil darin keine neuen oder ganzen Beiträge vorkamen, sondern nur Ausschnitte von bereits im Verlauf des Tages gesendeten und aufgezeichneten Beiträgen aus vorhergehenden Journalsendungen.


 Weitere Journale, die im Laufe der Zeit hinzugekommen sind: ein „Journal um fünf“ am Sonntag um 17 Uhr (1981 – 1996, wieder seit 2002), ein Abendjournal am Sonntag um 18 Uhr (seit 1996), Journal Panorama (seit 1984), Medienjournal (1993 – 1997), Mitternachtsjournal (seit 1995), Morgenjournal um 8 Uhr (seit 1995), Europajournal (seit 1998), Sonntagsjournal um 13 Uhr (seit 1999), täglich „Journal um fünf“ (seit 2001), Sonntagsjournal um 8 Uhr (seit 2003), Saldo – das Wirtschaftsmagazin (seit 2003) und Frühjournal um 6 Uhr (seit 2004). Im Fall von besonderen Ereignissen wurden und werden im Bedarfsfall noch Sonderjournalsendungen des aktuellen Dienstes eingeschaltet. Die unterschiedlichen Ö1-Journalsendungen werden außer sonntags an allen Wochentagen ausgestrahlt.


Die drei Haupt-Journalsendungen von Ö1, das Morgenjournal, das Mittagsjournal und das Abendjournal, unterscheiden sich in ihrem Aufbau, ab der Geburtsstunde dieser Informationssendungsschiene am 2. Oktober im Jahre 1967, grundsätzlich nur durch die Sendedauer und den Anteil von Musikeinspielungen zwischen den einzelnen Beiträgen.

2. Sendedauer der verschiedenen Journale

Die Hauptsendung im Tagesablauf war und ist dabei das Ö1-Mittagsjournal. Die Sendedauer dieses Journals liegt seit Beginn bei circa einer Stunde. Die exakte Sendezeit pro Journalausgabe beläuft sich für den Projektzeitraum, also für einen Zeitraum von über 20 Jahren vom Oktober 1967 bis Dezember 1989, außer die Sendung wurde wegen eines aktuellen Ereignisses ausgeweitet, auf 59 Minuten und eine unterschiedliche Anzahl von Sekunden. Der Unterschied ist jeweils abhängig von der Moderation, der Anzahl der Beiträge und Programmhinweisen, möglichen technischen Pannen, zeitlichen Verzögerungen bei Live-Beiträgen und noch einigen weiteren, aber ähnlich gearteten Punkten. Ausnahmen bilden beim Ö1-Mittagsjournal der 24. Dezember und der 31. Dezember. An diesen Tagen wurden nur gekürzte Sendungen von circa 30 bis 40 Minuten Dauer ausgestrahlt, außer an einem Sonntag, an dem ausnahmslos keine Journalsendungen ausgestrahlt wurden.
Nachdem die Dauer des Ö1-Mittagsjournales grundsätzlich auf eine Stunde beschränkt ist, ausgenommen die Sendung wurde aus aktuellem Anlass erweitert, führten gröbere Störungen im Zeitablauf, wie technische Gebrechen oder unvorhergesehene Wartezeiten bei Live-Beiträgen, zumeist zum Ausfall eines oder mehrerer Beiträge, wobei hier grundsätzlich weniger aktuelle Berichte, also meist Reportagen aus dem Gebiet der Kunst oder Wissenschaft, einer Streichung zum Opfer fielen, welche jedoch oft zu einem späteren Sendetermin, d. h. in einer späteren Ö1-Journalsendung, nachgeholt wurden.

Technische Gebrechen, egal ob diese nun im Zuständigkeitsbereich des ORF lagen, also etwa der Ausfall einer Bandmaschine, oder ob sie außerhalb der technischen Verantwortlichkeit des ORF lagen, am häufigsten kann hier wohl das Nichtzustandekommen einer Telefonverbindung genannt werden, aber auch eine Telefonverbindung in einer zu schlechten Tonqualität, waren in den Zeiten der analogen Datenspeicherung und Übermittlung eine wesentlich häufigere Ursache für eine unvorhergesehene Veränderung der Beitragsabfolge in der Sendung oder den Ausfall von einem oder mehreren Beiträgen.

Wenn sich auch die technischen Möglichkeiten in ungeahnter Weise weiterentwickelt haben, das Satelliten- und Digitalzeitalter die Nachrichtensendungen förmlich in ihren technischen Grundfesten revolutioniert hat, so ist doch kein System 100% zuverlässig. Aber sowohl die Zuverlässigkeit der Verbindungen, als auch die Anzahl der Alternativen bei den Kommunikationswegen haben derartig zugenommen, dass ein technisches Gebrechen als Grund für einen geänderten Sendeablauf in der Gegenwart eindeutig in den Hintergrund getreten ist.
Dies gilt keinesfalls im gleichen Maße für unvorhergesehene Verzögerungen bei Live-Beiträgen. Egal ob es sich nun um Pressekonferenzen oder beispielsweise um Live-Schaltungen aus dem Parlament handelt, damals wie heute ist ein Kennzeichen der agierenden Personen die „Rücksichtslosigkeit“ und zeitliche „Unzuverlässigkeit“ gegenüber den Medien.

Kam es einmal tatsächlich, was im übrigen nicht sehr häufig geschah, zum Ausfall eines angekündigten Beitrages, beispielsweise wegen Nichtzustandekommens der Telefonverbindung zum Korrespondenten, wurde dieser durch einen anderen Beitrag ersetzt, meist eine Reportage mit keinem ganz aktuellen tagespolitischen Inhalt. Wenn aber eine aktuelle Reportage, besonders natürlich eine Live-Übertragung, länger dauerte, so fiel wegen der zeitlichen Begrenzung ein weniger aktueller Beitrag aus.

Für das Ö1-Morgenjournal liegt die Sendedauer bei circa 25 Minuten, beim Ö1-Abendjournal beträgt die Sendezeit circa 45 Minuten. Das Ö1-Nachtjournal hat eine Sendedauer von circa 15 Minuten. Dabei gelten für das Ö1-Morgenjournal und das Ö1-Abendjournal, was die genaue und exakte Dauer der jeweiligen Sendungen betrifft, die Unterschiede aus den bereits oben genannten Gründen.


3. Der Aufbau der Journalsendungen

Der Aufbau aller drei Journalsendungen verläuft nach einem Grundschema, welches sich im Projektzeitraum nicht wesentlich verändert hat. Nach der Kennmelodie erfolgt ein kurzer Sendungsüberblick durch den/die jeweiligen/e Moderator/in.  Im Laufe der Jahre gab es drei verschiedene Kennmelodien. Vom 2. Oktober 1967 bis zu einem momentan nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt zwischen dem November 1971 und dem Mai 1976, war eine für die 60er Jahre typische, sehr hektische und Rhythmus betonte Schlagzeug- und Bläserpassage mit Telefonklingel in Verwendung (Audioquelle 1: Tonbeispiel 1. Kennmelodie 60er Jahre). Die ab dem 3. Mai 1976 belegte neue Signation ist eine nicht ganz so gehetzte, ja beinahe jazzige, auf der Hammond-Orgel gespielte Melodie (Audioquelle 2: Tonbeispiel 2. Kennmelodie 70er Jahre).     Am 18. April 1977 hielt schließlich klassische Musik Einzug in den Ö1-Journalsendungen, zumindest soweit es die Kennmelodie betraf und abgesehen von Ausschnitten in Kulturbeiträgen und mancher Musikeinblendung. Die ersten Takte aus Schuberts 5 Deutsche Tänze DV 90 wurden zu einem unverkennbaren auditiven Fixpunkt im Tagesablauf vieler österreichischer Radiohörer (Audioquelle 3: Tonbeispiel 3. Kennmelodie-Schubert). Am 19. September 1994 wurde im Rahmen der Umstellung sämtlicher Ö1-Sendungskennungen auf Kompositionen des Tiroler Jazzmusikers und Komponisten Werner Pirchner, auch die Kennmelodie der Journalsendungen erneuert.
Im Anschluss an den Überblick folgen die ausführlichen Nachrichten und der Wetterbericht. Nachrichten und Wetterbericht haben im Ö1-Mittagsjournal eine Sendedauer von zusammen etwa 10 Minuten, im Ö1-Morgenjournal und im Ö1-Abendjournal von rund 5 bis 7 Minuten.
Danach folgen die einzelnen Beiträge, welche durch eine An- und Abmoderation verbunden sind. Wie ausführlich diese Moderationen jeweils ausgefallen sind, hängt von den einzelnen Moderatoren ab. Sie reichen von einem einzelnen Satz zur Überleitung zum nächsten Beitrag bis hin zu ergänzenden Bemerkungen. Längere Moderationen als maximal eine Minute sind aber nicht die Regel.

Von der inhaltlichen Gliederung soll hier nur auf die sich wiederholenden, also die schematischen Fixpunkte eingegangen werden. Grundsätzlich bilden Innen- und Außenpolitik in unterschiedlicher Abfolge und Gewichtung, je nach aktueller tagespolitischer Lage, den Hauptbestandteil aller Ö1-Journalsendungen. Ein fixer Bestandteil ist die Inlandspresseschau, welche im Untersuchungszeitraum in fast ausnahmslos jedem Ö1-Mittagsjournal vorkam. Abschluss und Ergänzung bilden Beiträge aus Kunst und Kultur. Sport oder Chronik kommen in den Ö1-Journalsendungen des Projektzeitraumes praktisch, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, nicht vor. Selbst ein so dramatisches Sportereignis, wie der Unfall von Niki Lauda beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring am 1. August 1976 fand lediglich im Nachrichtenteil des Ö1-Mittagsjournales vom folgenden Tag Erwähnung.
Die Anzahl der Beiträge unterscheidet sich bei den einzelnen Sendeformaten durch die verschieden lange Dauer von Ö1-Mittagsjournal, Ö1-Morgenjournal und Ö1-Abendjournal.
Für das vorliegende Projekt wurden in erster Linie Ö1-Mittagsjournalsendungen herangezogen, die in der Regel 8 – 11 Beiträge umfassen. In Ausnahmefällen liegt die Bandbreite deutlich darüber oder darunter, wie etwa bei 5 Beiträgen für das Mittagsjournal vom 22. März 1982 oder 17 Beiträgen für dasjenige vom 19. September 1989.
Das Ö1-Morgenjournal beinhaltet in der Regel 3 bis 6 Beiträge, das längere Ö1-Abendjournal dagegen 6 bis 10 Beiträge.
Die Beitragsdauer variiert zwischen Beiträgen von 2 bis 3 Minuten bis hin zu Beiträgen mit einer Länge von über 10 Minuten. Als Faustregel kann von einem Durchschnittswert von etwa 5 Minuten ausgegangen werden.

Eine weitere Unterscheidung zwischen dem Ö1-Morgen- und Ö1-Abendjournal und dem längeren Ö1-Mittagsjournal sind die abschließenden Kurzmeldungen beim Ö1-Mittagsjournal. Darin werden, in kürzest möglicher Form, die Nachrichten vom Beginn der Sendung wiederholt, ein Fixpunkt, der jedoch im Bedarfsfall, so wie mancher Beitrag aus dem Gebiet der Kultur oder der Wissenschaft, der zeitlichen Begrenzung zum Opfer fallen konnte.

4. "Im Journal zu Gast" und "Journal Panorama"

Mit der fixen Beitragsreihe „Im Journal zu Gast“ wurde ab dem 7. Juni 1980 jeden Samstag, im Ö1-Mittagsjournal, eine Plattform für ein ausführliches Interview mit den unterschiedlichsten Personen geschaffen (Audioquelle 4: Mittagsjournal vom 07.06.1980. 8. Beitrag).
 
Die Dauer des Gespräches lag nie unter 10 Minuten, in einzelnen Fällen wurden aber auch Beiträge mit einer Länge von bis zu 20 Minuten ausgestrahlt.

Die Mehrzahl der Interviewten kam dabei, wie nicht anders zu erwarten, aus der Politik, aber es gab auch eine Vielzahl von Persönlichkeiten aus Sport, Wissenschaft, Kunst, Kultur und der Geschäftswelt, die vor das Mikrophon gebeten wurden. Der größte Teil der Interviews wurde von Rudolf Nagiller geführt, der es verstand, neben Fragen mit aktuellem Bezug, auch Fragen mit Tiefgang zur Person, deren Werdegang und Denken zu stellen. Besonders interessant waren dabei zweifellos diejenigen Gäste, die als Zeugen zu Ereignissen der österreichischen Zeitgeschichte befragt wurden.
Doch beschränkte sich diese Beitragsreihe nicht auf Menschen aus Österreich, auch viele ausländische Persönlichkeiten, hier lag aber der Schwerpunkt verständlicherweise im deutschsprachigen Raum, waren „Im Journal zu Gast“.

Neben dieser Interview-Reihe mit Tiefgang wurde ab dem 14. Mai 1984, von Montag bis Freitag, im Abendjournal das „Journal-Panorama“ mit einer Sendedauer von einer halben Stunde eingeführt (Audioquelle 5: Mittagsjournal vom 14.05.1984. 3. Beitrag). Das Abendjournal wurde dadurch auf eine dreiviertel Stunde Sendedauer verlängert. Das „Journal Panorama“ bildete eine Sendereihe, die sich der inhaltlichen Vertiefung verpflichtet hatte.  Dabei wurden Reportagen, Interviews und Studiokonfrontationen, aber auch ausführliche Inlands- und Auslandspresseschauen zu einem bestimmten Thema gebündelt oder Zusammenfassungen von wichtigen Referaten und Vorträgen zu bestimmten Gebieten gesendet.

Beide Beitragsreihen haben eine Vielzahl von wichtigen Tondokumenten hervorgebracht, aus Gründen des Projektschwerpunktes auf das Ö1-Mittagsjournal fand aber nur „Im Journal zu Gast“ komplett Eingang in die Online-Präsentation. Die digitalisierten „Journal-Panorama“-Beiträge dienen der inhaltlichen Ergänzung der Ö1-Mittagsjournale zu bestimmten Themen. Auch hier ruht, wie in so vielen anderen Bereichen des Archivbestandes der Österreichischen Mediathek, manch ein Schatz, der auf seine Hebung wartet.